Die Entstehung des Karate - Karate-Dō

Karate in seiner heutigen Form entwickelte sich auf der pazifischen Kette der Ryūkyū-Inseln, insbesondere auf der Hauptinsel Okinawa. Diese liegt ca. 500 Kilometer südlich der japanischen Hauptinsel Kyūshū zwischen Südchinesischem Meer und Pazifik. Heute ist die Insel Okinawa ein Teil der gleichnamigen Präfektur Japans. Bereits im 14. Jahrhundert unterhielt Okinawa, damals Zentrum des unabhängigen Inselkönigreichs Ryūkyū, rege Handelskontakte zu Japan, China, Korea und Südostasien. Die urbanen Zentren der Insel, Naha, Shuri und Tomari waren damals ein wichtiger Umschlagplatz für Waren und boten damit ein Forum für den kulturellen Austausch mit dem chinesischen Festland. Die unterschiedliche wirtschaftliche Bedeutung der Inseln führte jedoch dazu, dass sie ständig von Unruhen und Aufständen heimgesucht wurde. Im Jahre 1416 (laut George Kerr 1429) gelang es schließlich König Sho Hashi (Begründer der ersten Sho Dynastie) die Inseln zu einigen. Zur Erhaltung des Friedens in der angeblich aufständischen Bevölkerung wird oft über ein ominöses Waffenverbot berichtet! Tatsächlich gibt es keine historischen Anhaltspunkte über ein solches Verbot des Tragens von Waffen. Dennoch erfreute sich die waffenlose Kampfkunst des Okinawa-Te wachsender Beliebtheit und viele ihrer Meister reisten nach China, um sich dort durch das Training des chinesischen Chuan-Fa/ Quan Fa fortzubilden. Gleichzeitig verschmolzen die einheimischen Kampftraditionen mit Prinzipien und Methoden aus den umliegenden Metropolen Südostasiens und bildeten so ein einzigartiges System, welches viele Methoden der Selbstverteidigung und des Zweikampfes lehrte. 1609 besetzten die "Shimazu" aus Satsuma (heute süd-westlicher Teil der Hauptinsel Kyūshū Japans, Präfektur Kagoshima) die Inselkette. Angeblich verschärften diese das Waffenverbot“, was historisch jedoch ebenso wenig belegt ist! Jedoch beeinflusste die Schwertkampfkunst der Shimazu Samurai, das Jigen Ryū Kenjutsu die Art und Weise der auf Okinawa betriebenen Kampfkunst nachhaltig. Viele Meister des "Todi" / "Ti" (heute Kara Te) lernten parallel zu ihren einheimischen Kampfkünsten mit und ohne Waffen (Kobudō) die Schwertkunst der Shimazu. Sōkon Matsumura (Bushi Matsumura) beispielsweise war ein Meister des Kara Te und des Jigen Ryū Kenjutsu. "Ti" oder "Todi" (Okinawa Te) wurde hingegen vieler mystischer Karatebetrachtungen historisch nie als Geheimnis / geheime Kunst betrachtet. Es wurde zwar im Verborgenen, d.h. unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, war jedoch nie offiziell verboten. Nie wurde man der Ausübung wegen verfolgt! Vielmehr gehörte es zur königlich, hierarschischen Gesellschaftsstruktur des Ryūkyū Königreichs. Viele historische Meister des Karate waren anerkannte Mitglieder der gehobenen Klassen im Feudalsystem Okinawas.

Der Mythos, dass Bauern und Fischer Karate praktizierten, ist schlichthin unglaubwürdig. Diese mussten bezüglich ihres niederen Standes ("Heimin") den ganzen Tag schuften und schwer arbeiten. Zeit für ein aufwändiges Kampfkunsttraining blieb nur den gehobenen Klassen (z.B. Peichin u.a.). Damit wurden die Kenntnise des Ti für lange Zeit auf kleine elitäre Schulen oder einzelne Familien beschränkt, da die Möglichkeit zum Studium der Kampfkünste, z.B. auch auf dem chinesischen Festland, nur wenigen begüterten Adeligen zur Verfügung stand. Die Kunst des Schreibens (Bun Bu Ryō Dō „Schwert und Pinsel, zwei Wege“) war den Beamten des Königshauses natürlich gegeben, jedoch wurden schriftliche Aufzeichnungen nur in begrenztem Maße angefertigt, so wie das auch in chinesischen Kungfu-Stilen manchmal der Fall war. Es bestand schlichthin nicht die Notwendigkeit der schriftlichen Aufzeichnung, da eine direkte lehre von Lehrer zu Schüler erfolgte. Viele alte Meister des Todi bezogen sich in ihrer Lehre aber auf altchinesische Militärklassiker wie zum Bsp. Das „Bubishi“. Man verließ sich auf die mündliche Überlieferung und die direkte Weitergabe. Zu diesem Zweck bündelten die Meister die zu lehrenden Kampftechniken in didaktischen zusammenhängenden Einheiten zu festgelegten Abläufen oder Formen. Diese genau vorgegebenen Abläufe werden als Kata bezeichnet. Um dem Geheimhaltungszweck des Okinawa-Te Rechnung zu tragen, mussten diese Abläufe vor Nicht-Eingeweihten der Kampfschule (also vor potenziellen Ausspähern) chiffriert werden. So besitzt jede Kata noch bis heute ein strenges Schrittdiagramm (Embusen). Die Effizienz der Chiffrierung der Techniken in Form einer Kata zeigt sich bei der Kata-Demonstration vor Laien. Für den Laien und in den ungeübten Augen des Karate-Anfängers muten die Bewegungen befremdlich oder nichtssagend an. Die eigentliche Bedeutung der Kampfhandlungen erschließt sich einem erst durch intensives Kata-Studium und der „Dechiffrierung“ der Kata. Dies erfolgt im Bunkai-Training (Kata Gumite). Eine Kata ist also ein traditionelles, systematisches Kampfhandlungsprogramm und das hauptsächliche Medium der Tradition des Karate.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Karate meist in kleinen Gruppen geübt und ausschließlich von Meister zu Schüler weitergegeben. Während der Meiji-Restauration wurde im Jahre 1879 schließlich das Han aufgelöst und die Präfektur Okinawa eingerichtet. In dieser Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, in der sich die okinawanische Bevölkerung den japanischen Lebensgewohnheiten anpasste und Japan sich nach jahrhundertelanger Isolierung wieder der Welt öffnete, begann Karate stärker in die Öffentlichkeit zu drängen. Auch wurde die Kampfkunst aus dem gesellschaftlich königlichen Kontext der Adelsfamilien des vorherigen Ryūkyū Königreichs gelöst und auf den Hauptinseln Japans verbreitet. Dafür wurde Todi / Ti zum Teil japanisiert, um es besser an die Gewohnheiten und gesellschaftlichen Normen der japanischen Hauptinseln anzupassen. Einer dieser bekannten "Reformer" ist beispielsweise Funakoshi Gichin, der als einer der ersten Karatepioniere diese Kunst nach Japan exportierte! Seither nannte er es "Kara Te", die Kunst der leeren Hand, um den chinesischen Einfluss zu verschleiern und es somit für Japaner (bzgl. ihres Nationalstolzes) interessant zu machen (siehe unten).

Der Kommissar für Erziehung in der Präfektur Okinawa, Ogawa Shintaro, wurde 1890 während der Musterung junger Männer für den Wehrdienst auf die besonders gute körperliche Verfassung einer Gruppe junger Männer aufmerksam. Diese gaben an, auf der Jinjo Koto Grundschule im Karate unterrichtet zu werden. Daraufhin beauftragte die

Lokalregierung den Meister Itosu Ankō damit, einen Lehrplan zu erstellen, der unter anderem einfache und grundlegende Kata (Heian) enthielt, aus denen er Taktik und Methodik des Kämpfens weitgehend entfernte (zu diesem Punkt bestehen diverse Unklarheiten und verschiedene Ansichten) und den gesundheitlichen Aspekt wie Haltung, Beweglichkeit, Gelenkigkeit, Atmung, Spannung und Entspannung in den Vordergrund stellte. Karate wurde dann 1902 offiziell Schulsport auf Okinawa. Dieses einschneidende Ereignis in der Entwicklung des Karate markiert den Punkt, an dem das Erlernen und Üben der Kampftechnik nicht mehr länger nur der Selbstverteidigung diente, sondern auch als eine Art Leibesertüchtigung angesehen wurde.

Nach Beginn des Jahres 1900 erfolgte von Okinawa aus eine Auswanderungswelle nach Hawaii. Dadurch kam Karate erstmals in die USA, die Hawaii 1898 annektiert hatten. Funakoshi Gichin, ein Schüler der Meister Itosu Ankō und Asato Ankō, tat sich bei der Reform des Karate besonders hervor. Auf der Grundlage des Shorin-Ryū und des Shorei- Ryū begann er, nach Vorbild von Meister Asato und Itosu, Karate zu systematisieren. Er verstand es neben der reinen körperlichen Ertüchtigung auch als Mittel zur Charakterbildung.

Neben den genannten drei Meistern war Higaonna Kanryo ein weiterer einflussreicher Reformer. Sein Stil integrierte weiche, ausweichende Defensivtechniken und harte, direkte Kontertechniken. Seine Schüler Miyagi Chōjun und Mabuni Kenwa entwickelten auf dieser Basis die eigenen Stilrichtungen Gōjū-Ryū bzw. Shitō-Ryū, die später große Verbreitung finden sollten. In den Jahren von 1906 bis 1915 bereiste Funakoshi mit einer Auswahl seiner besten Schüler ganz Okinawa und hielt öffentliche Karate-Vorführungen ab. In den darauffolgenden Jahren wurde der damalige Kronprinz und spätere Kaiser Hirohito Zeuge einer solchen Aufführung und lud Funakoshi, der bereits Präsident des Ryūkyū-Ryū Budōkan - einer okinawanischen Kampfkunstvereinigung - war, ein, bei einer nationalen Budō-Veranstaltung 1922 in Tokyo sein Karate in einem Vortrag zu präsentieren. Dieser Vortrag erfuhr großes Interesse und Funakoshi wurde eingeladen, seine Kunst im Kōdōkan praktisch vorzuführen. Die begeisterten Zuschauer, allen voran der Begründer des Jūdō, Kanō Jigorō, überredeten Funakoshi am Kodokan zu bleiben und zu lehren.

Zwei Jahre später, 1924, gründete Funakoshi sein erstes Dōjō. Nach dem Vorbild des bereits im Jūdō etablierten Systems wurde im Laufe der zwanziger Jahre dann der Karate-Gi sowie die hierarchische Einteilung in Schüler- und Meistergrade, erkennbar an Gürtelfarben, im Karate eingeführt, mit der auch politisch motivierten Absicht eine stärkere Gruppenidentität und hierarchische Struktur zu etablieren (übrigens nach dem Vorbild des preußischen Militärs bereits unter Itosu eingeführt). Aufgrund seiner Bemühungen wurde daraufhin Karate an der Takushoku-Universität, der Waseda-Universität und an der Japanischen Medizinischen Hochschule eingeführt. Das erste offizielle Buch über Karate wurde von Gichin Funakoshi unter dem Namen "Ryū Kyū Kempo Karate" im Jahre 1922 veröffentlicht.

Weitere wichtige Bücher von Gichin Funakoshi sind "Karate Dō Nyūmon" (1925) sowie "Karate Dō Kyōhan" (1935).

Seine Biographie erschien unter dem Namen Karate-dō Ichi-ro (Karate-dō – ein Weg), in dem er sein Leben mit Karate schildert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Karate durch Funakoshis Beziehungen zum Ausbildungsministerium als Leibeserziehung und nicht als kriegerische Kunst eingestuft, was es ermöglichte, Karate auch nach dem Zweiten Weltkrieg zur Zeit der Besatzung in Japan zu lehren.

Über Hawaii sowie die amerikanische Besatzung Japans und insbesondere Okinawa fand Karate im Laufe der 1950er und 1960er Jahre als Sportart zunächst in den USA und dann auch in Europa eine immer stärkere Verbreitung.

Aus der nach Funakoshi bzw. dessen schriftstellerischen Pseudonym Shōtō benannten Schule Shōtōkan („Haus des Shōtō“) gingen verschiedene einzelne Gruppierungen hervor. Eine davon war die erste international agierende Karate - Organisation (JKA), die noch heute einer der einflussreichsten Karateverbände der Welt ist. Der originale Shōtōkan wurde im zweiten Weltkrieg völlig zerstört und später von einer kleineren Gruppe unter Egami Shigeru neu errichtet. Funakoshi und die übrigen alten Meister lehnten die Institutionalisierung und Versportlichung sowie die damit einhergehende Aufspaltung in verschiedene Stilrichtungen jedoch gänzlich ab, so dass es zuletzt zum Bruch zwischen den alten Meistern und einigen Organisationen kam.


2. Karate in Deutschland

Ein Deutscher Jūdōka namens Jürgen Seydel kam auf einem Jūdō-Lehrgang in Frankreich erstmals in Kontakt mit Karate beim Meister Murakami, den er begeistert einlud auch in Deutschland zu lehren. Aus den Teilnehmern dieser Lehrgänge entwickelte sich zunächst innerhalb der Jūdō-Verbände eine Unterorganisation, die Karate lehrte und aus der schließlich im Jahre 1961 der erste deutsche Dachverband der Karateka, der Deutsche Karate Bund hervorging.

Am 1. April 1957 gründete der Jūdōka Jürgen Seydel in Bad Homburg das erste Karate-Dōjō Deutschlands (Budōkan Bad Homburg).

Der Sport verbreitete sich sehr schnell und schon 1961 gründete sich der „Deutsche Karate-Bund“ (DKB) als erster Karateverband Deutschlands. Dieser wurde ab 1967 vom JKA-Instruktor Kanazawa Hirokazu geleitet und 1970 von Shihan Ochi Hideo (heute 8. Dan JKA) übernommen. 1993 gründete Ochi den „Deutschen JKA-Karate Bund“ (DJKB) als deutschen Ableger der Japan Karate Association.


Korrekturhinweise: Nietzold, Holger

Literatur: Wittwer, Henning: Shōtōkan. Überlieferte Texte - historische

Untersuchungen. Band 1 & 2.


Die 11 Würfe von Funakoshi Gichin: vergessene Wurf- und Bodenführungstechniken des Karate Dō


Nage-Waza - Wurftechniken 


Karate Dō bietet uns ein Vielzahl von Techniken, Strategien und Prinzipien zum wirkungsvollen agieren gegen gewalttätige Übergriffe. Neben dem heute weit verbreiteten Ausprägungen des sportlich orientierten Karate gibt es jedoch noch weiterführende, tiefgreifende Trainingskonzepte und Ausprägungen, welche dem ursprünglichen Karate Dō angelehnt sind. Dabei steht das Üben der Kata und ihrer Anwendungen (Bunkai Jutsu / Kata-Gumite) im Mittelpunkt. Ein fester Bestandteil des sog. „Goshin Jutsu“ (Selbstverteidigung) sind dabei auch Würfe.

Funakoshi Gichin selbst präsentierte eine ausgewählte Gruppe von Würfen in seinen drei Standartwerken zum Karate Dō. Diese fanden hier deutliche Erwähnung und wurden sogar in Bildersequenzen demonstriert. In der Tat zeigten auch viele seiner Karate Kollegen (darunter Pioniere wie Miyagi Chōjun, Mabuni Kenwa, Taira Shinken, Motobu Choki, Konishi Yasuhiro etc.) wiederholt ähnliche Techniken und Bewegungssequenzen wie in den Schriften von Funakoshi selbst.

Dies zeigt uns, dass Wurf- und Bodenführungstechniken sowie Gelenkhebel (Kansetsu- Waza) seit jeher zur Tradition des Karate gehören und intensiv geübt wurden.

Leider verschwanden diese Techniken jedoch weitestgehend aus den Lehrprogrammen der Karatedōjōs (und der großen Weltverbände), um den im Mittelpunkt stehenden Schlag- und Tritttechniken Platz zu machen. Hier also ein kleiner Ausblick in das ursprüngliche, praxisorientierte Karate des Sensei Funakoshi.

Im folgenden Text wird eine kurze Anleitung über die Ausführung der Würfe gegeben sowie kleine zusätzliche praktische Erläuterungen und Ergänzungen angeführt. Wichtig ist, diese Würfe genau so zu üben wie alle anderen Bereiche des Karate (3 K´s – Kihon, Kata, Kumite) damit eine wirkungsvolle, effektive Kampfkunst entsteht.


Nr. 1 Byōbu-Daoshi ( 屏風倒 ) - „Den Wandschirm umwerfen“

(auch Wandschirm Wurf)

In seinen bahnbrechenden Arbeiten demonstriert das dritte Buch von Funakoshi Gichin „Karate Dō Kyōhan(1935), den ersten dieser neun Würfe genannt „Byōbu Daoshi“.

Das Wort Byōbu bedeutet wörtlich eine traditionelle Zwischenwand, in der japanischen Gesellschaft zur Teilung von privaten Räumen verwendet, während Daoshi(taoshi) einfach „umwerfen“ oder „zu stürzen“ bedeutet.

So, wie von Funakoshi oben gezeigt, wählen wir eine Verteidigung der oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki) gegen das Gesicht. Der Verteidiger gleitet zurück und blockiert den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere Hand) schnell am Handgelenk gegriffen und gesichert, während mit der anderen Hand stark das Kinn / Hals des Gegners mit der freien Hand attackiert wird.

Dann geht der Agierende schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen (ähnlich wie beim Judo der Wurf O-soto-gari“ ( 大外刈 )- große Außensichel).

Wichtig dabei ist hier eine deutlich starke, sichelnde Bewegung mit dem Bein auszuführen, während man den Gegner am Oberkörper nach hinten - unten drückt und wirft.


Nr. 2 Koma-Nage ( 獨楽投 ) - „Kreisel-Wurf“

(auch Neiji-Daoshi (捻倒) – „Spiral-Wurf“ oder“Schraubendes Umwerfen“)

In diesem nächsten Wurf, zeigt Meister Funakoshi sehr eindrucksvoll eine beliebte Bunkai Übung aus der Tekki / Naihanchi Kata mit dem Ju-no-Ri“ Prinzip, welches man so häufig im Aikido, Ju-Jutsu und Judo wiederfindet (und natürlich im fortgeschrittenen Karate!!!).

Auszug zum Judo nach Kanō Jigoro:

Kanō Jigoro verstand seine Kampfkunst nicht als ein ausschließliches Technik-System, sondern betonte immer wieder drei Prinzipien:

- Ju no Ri - Prinzip der Nachgiebigkeit
-
Seiryoku-zenyo - optimale Ausnutzung der Energie
-
Jita-kyoei - gegenseitige Hilfe und Unterstützung

Nach dem Prinzip „Siegen durch Nachgeben“ entwickelte Kanō viele dem Wettbewerb angepasste Würfe.

Der Angreifer beginnt hier mit einem Schlag zur mittleren Stufe (Chudan - Zuki). Hierbei gleitet der Verteidiger auf die Rückenseite und blockiert den Schlag mit einem „Otoshi Uke“ („fallender Block“) der Rückfläche der Hand / des Armes („Heishu“).

Danach greifen wir unmittelbar das Handgelenk des Angreifers, sperren dieses und ziehen es stark nach unten zu unserer Hüfte. Gleichzeitig treten wir mit unserem Bein leicht hinter den Angreifer und führen mit der freien Hand einen Streckhebel zum Ellenbogengelenk des gegriffenen Armes aus. Anschließend können wir den Angreifer zu Boden führen. Wichtig ist die ankommende gegnerische Kraft zu nutzen, um die Ausführung der zu Boden führenden Technik zu unterstützen und gleichmäßig zu gestalten.


Nr. 3 Kubiwa ( 頸環 ) – „Halsring“

(auch „Halsschlinge, Kopfschlinge“)

Dieser Wurf beginnt in ähnlicher Weise wie die beiden vorherigen Würfe.

Der Gegner greift mit einem hohen Schlag gegen das Gesicht an (Jodan-Zuki).

Der Verteidiger gleitet wieder etwas nach außen, wie im zweiten Wurf und blockt dabei mit der vorderen Hand wie im ersten Wurf. Danach rutscht er schnell nach vorn an der Außenseite des Angreifers vorbei (mit Yori-Ashi) und attackiert dabei mit einem Schlag der offenen Hand zum Kinn des Gegners (Shotei-Uchi).

Wenn der Gegner durch den Schlag irritiert und abgelenkt ist gehen wir umgehend mit dem Gleitschritt hinter sein vorderes Bein (Fumi-komi). In einer leicht kreisförmigen Bewegung legen wir den Arm um den Hals des Gegners und „umarmen“ ihn fest, während wir ihn dabei über den Zug über unsere Hüfte zu Boden werfen / führen. Gleichzeitig ziehen oder drücken wir mit der freien Hand an der Schulter des Gegners, um die Wirksamkeit des Wurfes zu erhöhen.


Nr. 4 Katawa-Guruma ( 片輪車 ) – „Krüppel-Rad“

(auch Bikko-Daoshi ( 跛倒 ) – „den Lahmen umwerfen“)

Der Wurf „Katawa-Guruma“ oder Krüppel Rad (ähnlich einem Feuerwehr-Transportgriff) ist ein ziemlich populärer, in vielen Kampfkünsten bekannter Wurf.

Bekannt ist dieser zum Beispiel in den Traditionen des Judo, des griechisch-römischen Ringens und anderer bekannter neuerer Systeme.

In diesem Fall beginnen wir genau wie bei Wurf Nr. 2 - Koma Nage indem wir etwas zurückweichen und den Angriff auf der Außenseite abwehren (Ura-Te). Anschließend bewegen wir uns mit starkem Einsatz in Richtung Gegner und attackieren seinen Solarplexus mit einem Fauststoß (Chudan-Zuki oder alternativen praktischen Techniken).

Als nächstes bewegen wir uns stark geradeaus in Richtung Gegner und klemmen den angreifenden Arm zwischen uns ein. In dieser Zeit nehmen wir ohne größeren Kraftaufwand den blockenden Arm nach oben und positionieren ihn hinter dem Nacken des Gegners und greifen zu. (… jetzt folgen wir den gezeigten Bildern …)

Mit der freien Hand greifen wir nun nach unten zwischen die Beine des Gegners (ggf. Griff zu den Genitalien) oder einfach nur zu seinem Oberschenkel. Dann heben wir den Gegner so hoch wie möglich aus, während wir den Hals auf der rechten Rückenseite nach unten ziehen.

Diese Bewegung findet sich natürlich in vielen uns bekannten Kata wieder, so zum Beispiel Auszüge aus der Kata Kusanku / Kanku Dai, Passai / Bassai Dai, Unsu / Unshu etc.)

Anmerkung: Hinweise auf diese Wurfbewegung finden sich auch in der Kata Enpi

(jap. 燕飛 ; Sequenz des Kiba-Dachi mit Greifbewegung vor dem „Sprung“!). Auch im Judo finden wir heute eine (meines Erachtens nach) etwas effektivere Variante dieses Wurfes, das so genannte Kata Guruma (Schulter Rad), wobei der Gegner über die Schultern gezogen und in einer runden Bewegung über uns selbst nach unten gezogen wird.


Nr. 5 Tsubame-Gaeshi ( 燕返 ) – „die wendende Schwalbe“

(auch „Schwalbenrückkehr“)

Funakoshi Sensei war für seine poetische Seite bei der Benennung von Techniken und Kata bekannt. Dieser Wurf bildet hierbei keine Ausnahme.

Um den beschriebenen Wurf durchzuführen gehen wir einen Schritt zurück und führen eine steigende Kreuz-Block Bewegung (Juji-Uke/ Hasami-Uke) mit offenen Händen nach oben aus, um einen hohen Schlag (Jodan-Zuki) des Gegners auf zu nehmen. Anschließend greifen wir sofort den angreifenden Arm von innen und kontern mit einem Schlag der Rückfaust (Ura-Ken) zum Kiefer des Gegners.

Im Folgenden, und das ist der schwierige Teil, bewegen wir uns kreisförmig in Richtung unseres Gegners, während wir uns auf dem Knie (hier das Linke) abknien. Gleichzeitig ziehen wir den Arm des Gegners und verdrehen diesen, um ihn zu Boden zu führen. Dabei führen wir unsere Hände zur Hüfte.

Genau wie eine Schwalbe, die in ihrem Nest landet …


Nr. 6 Yari-Dama ( 槍玉 ) – „ das Juwel aufspießen“

In einem weiteren Wurf aus dieser Reihe werden die Genitalien des Gegners attackiert. Hier beginnen wir genau wie im Wurf Nr. 1 (Byōbu Daoshi) indem wir mit unserer offenen vorderen Hand von innen (Shuto-Uke) einen Schlag zur oberen Stufe (Jodan-Zuki) abwehren.

Sofort greifen wir mit der blockenden Hand das Handgelenk des gegnerischen Arms, um es so zu kontrollieren und zu sperren.

Gleichzeitig machen wir einen großen Schritt vorwärts in eine tiefe Shiko-Dachi (auch Kiba-Dachi möglich) Position und schlagen mit der freien Hand in die „Kronjuwelen“ unseres Gegners. Weiter ziehen wir den Gegner nach vorn am Arm und drücken mit dem anderen Arm nach oben (auf den Arm) und heben stark von unten, bis wir den Wurf durch Zug nach unten links beenden.

Das Grundprinzip ist hier sehr ähnlich zu dem des „Katawa Guruma“ (# 4).


Nr. 7 Tani-Otoshi ( 谷落 ) – „ins Tal fallen lassen“

(auch nur „Talfall“)

Obwohl der Wurf „Tani Otoshi“ heutzutage einer der häufigsten angewandten im Leistungssportbereich des Judo ist ähnelt dieser Wurf von Funakoshi mehr der modernen Version des Seoi-nage (背負投 , Schulterwurf wenn auch mit einer etwas breiteren Fußstellung).

Der Gegner greift mit einem Fauststoß zur Brust nach vorn an (Chudan-Zuki). Wir machen dabei einen Schritt mit dem rechten Bein zurück und parieren den Schlag mit der vorderen Hand. Anschließend packen wir sofort den angreifenden Arm und ziehen ihn an unsere Seite (wahre Bedeutung von“Hikite“). Dabei kontern wir in schneller Ausführung zum Gesicht oder einer anderen empfindlichen Stelle des Gegners.

Zweck der zahlreichen Konter (Atemi-Waza) ist es den Gegner zu stören und Vorteile über eine natürliche Reaktion des Gegners oder einen Schmerz auslösen Rückzug Reflex zu provozieren, damit es leichter wird den Gegner zu übernehmen und anschließend zuwerfen.

Wenn der Gegner „zusammen zuckt“ machen wir einen Schritt nach vorn und schwingen den angreifenden Arm unter den ausgestreckten Arm des Gegners. Wir drehen uns ein, hebeln den Arm im Ernstfall kurz am Ellenbogengelenk und werfen ihn über die Schulter auf den Boden. In der freundschaftlichen Version lassen wir den Arm zu Übungszwecken selbstverständlich gebeugt. Danach erfolgt eine beliebige Kontrolltechnik am Boden.

Anmerkung:

In der Kata Heian Godan finden wir beispielsweise eine Sequenz zur Anwendung dieses Wurfes (Sequenz vor dem „Sprung“!)


Nr. 8 Udewa ( 腕環 ) – „Armring“

(auch Kusariwa ( 鎖環 ) – „Kettenring“)

Um zu demonstrieren, dass diese Würfe auch bei der Verteidigung gegen andersartige Angriffe als nur geraden Techniken (Tsuki-Waza) möglich sind, wird mit diesem „Ude Wa“-Wurf vonFunakoshi gegen einen doppelten Griff zum Revers / einer Würge / beidseitigem Stoß verteidigt.

Der Gegner nähert sich uns mit ausgestreckten Armen, um uns zu greifen (erste einfache Trainingsvariante; weitere reelle Attacken können aus der Nahdistanz heraus praktiziert werden). Dabei lenken wir schnell den Angriff nach oben ab und kontern sofort mit doppelten horizontalen „Hammerfaust - Schlag“ (Tettsui-Uchi) gegen die Körpermitte. (Ich empfehle als Ziel die knorpeligen medialen Abschnitte der unteren Rippen, da sie am leichtesten zu brechen sind).

Während der Gegner nach Luft schnappt, beugen wir uns nach unten und umarmen seine Beine fest. Dabei schieben wir mit unserer Schulter stark gegen seine Hüftknochen, ziehen dabei an den Beinen und werfen ihn auf den Boden. Anschließend erfolgt der „Finalstoß“ zu den Genitalien oder das Gesicht des Gegners, je nach Position.

Anmerkung:

Eine typische Applikation dieses Wurfes finden wir beispielsweise in der Kata Bassai Dai.

(Bewegung des Aufstehens mit doppeltem „Age-Uke“, Hasami-Uchi und Oi-Zuki)


Nr. 9 Saka-Zuchi ( 逆槌 ) - „der umgekehrte Hammer“

(auch Gyaku Zuchi - „umgedrehter Vorschlaghammer“)

Dieser Wurf, hier bezeichnet als „umgedrehter Vorschlaghammer“ oder auch „Hammerdrehung“ findet sich heute oft im westlichen Wrestling als sogenannter Piledriver“.

Der Gegner versucht uns wieder mit einem hohen Schlag zu attackieren (Jodan-Zuki). Wir lenken den Schlag durch Schritt zurück mit einem steigenden Block nach oben (Age-Uke) ab.

Dann gleiten wir schnell nach vorne zur Außenseite des gegnerischen Angriffs und umfassen seinen oberen Rücken mit unserer Hand. Wir blockieren mit der freien Hand den Gegner während sich diese vor seinem Bauch schiebt. Jetzt drehen wir den Gegner um und lassen ihn nach unten auf den Kopf fallen (entweder durch einfaches Loslassen des Griffs oder Hinsetzen). Vorsicht ist geboten!

Anmerkung: Dieser Wurf ist nur etwas für Kenner und Könner der Materie. Für die Selbstverteidigung ist er wenig praktikabel, da hier das Kräfteverhältnis stimmen muss um den Gegner überhaupt erst einmal umzudrehen und geschweige denn zu werfen.


Nr. 10 Nodo-Osae ( 咽抑 ) – „die Kehle drücken“

Dieser als „Kehlendruck“ beschriebene Wurf ist Inhalt des Buches von 1922 und 1925. Warum dieser im letzten Buch keine Erwähnung findet ist rein spekulativ. Möglich das die Anwendung zum allgemeinen Gebrauch zu brutal erschien und damit als offenes Lehrkonzept ausschied. Hier eine kurze Beschreibung.

Generell ist die Ausführung ähnlich dem Wurf Nr. 1 Byōbu-Daoshi

Wir wählen wieder eine Verteidigung der oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki). Der Verteidiger gleitet zurück und blockt den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere Hand) schnell am Handgelenk gegriffen und gesichert (ähnlich kann man dies auch mit einem attackierenden Bein tun, siehe Bild), während mit der anderen Hand stark die Kehle des Gegners mit der freien Hand attackiert und gedrückt wird.

Dann gehen wir wieder schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen. (ähnlich Osoto Gari aus dem Judo) Vorsicht ist geboten!


Nr. 11 Ude-Daoshi ( 腕倒 ) – „mit den Armen umwerfen“

(auch „Armfällwurf“- hier leider keine Bilder vorhanden)

Der von Sensei Funakoshi in seinem ersten Buch von 1922 (Ryūkyū Kempo Karate Dō)beschriebene Wurf Ude-Daoshi ähnelt in seiner Ausführung stark dem des Byōbu-Daoshi, welcher 1935 in „Karate Dō Kyōhanaufgeführt wurde.

Auch hier nehmen wir wieder eine Verteidigungsposition gegen eine Angriff zur oberen Stufe (bsp. gegen Jodan Zuki) gegen das Gesicht ein. Der Verteidiger gleitet zurück und blockiert den Angreifer mit der offenen vorderen Hand. Anschließend wird diese (vordere Hand) schnell am Handgelenk gegriffen und gesichert, während mit der anderen Hand stark das Kinn / Hals / Gesicht des Gegners mit der freien Hand attackiert wird.

Dann geht der Agierende schnell vorwärts, um den Gegner nach hinten über das Bein zu werfen. Dabei wirdjedoch nicht, wie bei „Byōbu Daoshi“, mit dem Bein gesichelt (kein „O-soto-gari“ ( 大外刈 )- große Außensichel). Sondern mit der freien Hand am Gesäß / Steißbein des Gegners gedrückt und dieser dann nach hinten über das Bein geworfen.


Ergänzungen zum historischen Programm:

Nr. 12 Uki-goshi – „der Hüftschwung“

Hierbei dreht man ein, fixiert den Angreifer jedoch schon während der Eindrehbewegung, so dass dieser rechtwinklig zu uns steht. Durch unsere aktive Beinstreckung wird das Gleichgewicht des Angreifers endgültig gebrochen, und durch die Fortsetzung der Eindrehbewegung, insbesondere durch Zurücksetzen des vom Angreifer abgewandten Beines von uns, sowie Armzug wird er zu Boden geschleudert.


Nr. 13 O-goshi ( 大腰) - „großer Hüftwurf“

Dieser sehr bekannte Grundlagenwurf aus dem Judo sollte auch jeder Karateka in sein Grundrepertoire aufnehmen und beherrschen.

Der Angreifer wird mit einer Hand am Handgelenk oder Revers gepackt, während sich der andere Arm um die Hüfte legt. Wir drehen uns ein. Dann wird der Gegner über die eigene Hüfte gezogen, leicht ausgehoben und mit kräftigem Zug über die Hüfte nach unten zu Boden geworfen. So leicht geht’s!

Viel Spaß beim Üben!


Tabellarische Auflistung der Würfe nach Funakoshi Gichin:

(Quelle [1] ; [2])

Lfd. Nr.

1935

1925

1922

1

Byōbu-Daoshi

n.v.

n.v.

2

Koma-Nage

Neiji-Daoshi

Neiji-Daoshi

3

Kubi-Wa

Kubi-Wa

Kubi-Wa

4

Katawa-Guruma

n.v.

Bikko-Daoshi

5

Tsubame-Gaeshi

n.v.

n.v.

6

Yari-Dama

Yari-Dama

Yari-Dama

7

Tani-Otoshi

n.v.

n.v.

8

Ude-Wa

Kusari-Wa

Kusari-Wa

9

Saka-Zuchi

Tani-Otoshi

Tani-Otoshi

10

n.v.

Nodo-Osae

Nodo-Osae

11

n.v

n.v.

Ude-Daoshi

Bilder:

[A] Bilder 1 – 9 aus „Karate Dō Kyōhan“ - Funakoshi Gichin 1935, Original: Karate Dō Kyōhan Master Text by Gichin Funakoshi, Published in 1935, First edition 302 pages, Japanese Language

[B] Bild 10 „Rentan Goshin Toudi Jutsu“ - Toudi (Karate) Arts: Polish Your Courage for Self Defense by Gichin Funakoshi, Published by Daisoko Bundo, Originally published in March 10, 1925 6th pringint, April 1st, 1926 Japanese Language


Quellen:

[1] „Shōtōkan“- überlieferte Texte, historische Untersuchungen Band 1 & 2 – Wittwer, H.

[2] „Kyōhan“ - Was die alten Meister wußten; www.karate-kyohan.de – Nietzold, H.

[3] „Karate Dō Kyōhan“ - Funakoshi Gichin 1935; Original: Karate Dō Kyōhan Master Text

by Gichin Funakoshi, Published in 1935, First edition 302 pages, Japanese Language

[4] Rentan Goshin Toudi Jutsu“ - Toudi (Karate) Arts: Polish Your Courage for Self

Defense by Gichin Funakoshi, Published by Daisoko Bundo, Originally published in

March 10, 1925 6th pringint, April 1st, 1926 Japanese Language

[5] Ryūkyū Kempō Karate Dō” (1922) – Funakoshi Gichin

[6] „Karate by Jesse“ Artikel von www.karatebyjesse.com - Jesse Enkamp 08 / 2012 -

umgeschrieben, ergänzt und übersetzt ins Deutsche von Thomas Stenzel


Für Hinweise , Verbesserungen und weitere Anregungen zu diesem Thema bin ich sehr dankbar und freue mich über jede Art der Rückmeldung zu diesem Text. - Thomas -